Auf dem toten Pferd reiten

Bestimmt jeder, der in der Software-Entwicklung oder einem ähnlichen Arbeitsbereich tätig ist, hat bestimmt schon öfters den Spruch „Das tote Pferd reiten“ bzw. „Riding a dead horse“ in Bezug auf die verwendete Software, Programmiersprache, Framework oder Ähnliches gehört. Grundsätzlich geht man, gerade wenn man Technik-begeistert ist, davon aus, dass man für alles immer das neueste vom Neuesten benutzen sollte oder müsste. Aber ist dies wirklich sinnvoll?

Dass man sich mit neuer Technologie recht früh beschäftigen sollte, um nicht den Anschluss zu verlieren, steht außer Frage. Aber nur weil z. B. die neue Version einer Programmiersprache herausgekommen ist, sollte man nicht von heute auf morgen wechseln. Es kommt dabei natürlich immer stark darauf an, was für eine Software man überhaupt schreibt. So weiß ich von einigen Leuten, dass bei Versicherungen und Banken noch Software in COBOL geschrieben und gewartet wird. Da wurde sich dann irgendwann mal daran gewagt einzelne Programme in Java neu zu schreiben. Allerdings gilt hier halt der Grundsatz, dass Dinge die funktionieren eher nicht angefasst werden. Und das auch nicht ganz zu Unrecht, wenn man bedenkt was für eine Auswirkung eine missglückte Umstellung haben könnte.

Wenn man für Smartphones Apps entwickelt gelten natürlich andere Spielregeln, als wenn man eine Branchen-Software entwickelt, die auf Client-PC’s oder einem Terminalserver betrieben werden soll. Je nach Größenordnung ist ein kompletter Wechsel der zu Grunde liegenden Plattform auch schon ein unmögliches Vorhaben. So wäre es z. B. vermutlich eine Wahnsinns-Aufgabe, wenn sich ein Unternehmen wie Google oder Microsoft entscheidet einfach alles umzustellen, nur weil es modernere Lösungsmöglichkeiten gibt. So ist es kein Wunder, dass sich bei Microsoft kaum jemand traut den Kernel anzufassen (das las ich einmal in einer DotNetPro-Ausgabe). Deshalb finde ich es mittlerweile auch völlig normal, dass Software die vor 20 Jahren geschrieben wurde und seither weiterentwickelt wird, nicht plötzlich in einer moderneren Programmiersprache neu geschrieben wird. Ich kenne tatsächlich ein produktiv genutztes Programm, das zumindest teils in PASCAL geschrieben ist!

In einigen Fällen wird dann sogar aufgrund von Geschwindigkeitsproblemen nicht die Plattform gewechselt, sondern angefangen die Plattform zu verbessern. So beispielsweise bei Facebook, wo man mit dem HipHop-Projekt, wenn ich das recht in Erinnerung habe, die Ausführung des PHP-Codes drastisch beschleunigt werden sollte. Von PHP wegzugehen wäre vermutlich wesentlich aufwendiger als in dieser Richtung etwas zu unternehmen.

Grundsätzlich gilt auch, dass man in jeder nicht-esoterischen Programmiersprache „vernünftig“ programmieren kann. Wenn man dies allerdings nicht beherzigt und Spaghetti-Code schreibt, dann hätte einem auch eine moderne Programmiersprache nicht geholfen. Hier kann man von einer Art „technischem Kredit“ sprechen den man aufnimmt, wenn man solche Versäumnisse macht und der unordentliche Code mit der Zeit dann immer komplexer wird. Wenn einem dann nach einigen Jahren der ganze Laden um die Ohren fliegt, dann zahlt man die „Zinsen“ für die gemachten Fehler. Allerdings würde ich den Wechsel auf eine modernere Programmiersprache aus den genannten Gründen aus diesem technischen Kredit ausklammern.

Tobias Langner

Ich arbeite seit mehreren Jahren als IT-Administrator, bin ausgebildeter Fachinformatiker für Systemintegration und Studium-„Pausierer“ an der FernUni Hagen

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